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Über Akureyri und Husavík zum Mıvatn nach Reykjahlíð (6. Tag)

Routenverlauf
Straßen: 1 - 845 - 85 - 87
Stationen: (Varmahlið -) Norðurárdalur - Öxnadalsheiði - Akureyri - Ljósavatn - Húsavík - Geitafell - Reykjahlíð
Gesamtkilometer: ca. 250
Straßenzustand: Überwiegend Asphalt.

 


Aufbruch

Nach dem ausführlichen Frühstück nehmen wir Abschied von Helga und dem Hotel Varmahlið. Die Qualität von Unterkunft und Speisen schlägt sich deutlich auch in der Rechnung nieder: Knapp 500 Euro bleiben am Skagafjord. Dafür hat uns dort aber auch alles sehr gut gefallen - bis auf eine Kleinigkeit.

Das Warmwasser wird im Hotel Varmahlið direkt aus geothermalen Quellen gespeist, nicht über eine Zwischenstation Wärmetauscher. Man bekommt das faule Ei also quasi frei Haus: "a slight natural smell of sulphur" ist freilich eine gelinde Untertreibung. Dazu war ich jedenfalls noch nicht akklimatisiert genug. Haare waschen fiel also aus. Über die Zusammenhänge (und ganz nebenbei: über die Gefährdung von jedwedem Silberschmuck) informiert der kleine Aufkleber im Badezimmer.

Scheiben klar

Von der gestrigen Fahrt ist die Frontscheibe ganz verklebt mit Fliegen. Die hätte ich gerne entfernt, bevor es regnet und der Scheibenwischer sie zu einem undurchsichtigen Schleim verwischt. Am frühen Morgen ist der Himmel heute zwar noch fast wolkenlos, aber man munkelt, dass es im Laufe des Tages schlechter werden und zu regnen anfangen soll. Wir versuchen es an der Tankstelle. Und tatsächlich gibt es außer Hackbeilen, Fischreusen, Gaskartuschen und Wagenhebern auch einen handlichen Schwamm, der auf einer Seite so verstärkt ist, dass man ihn für den gesuchten Zweck einsetzen kann. Da es in Island an jeder größeren Tankstelle ein von einer niedrigen Mauer umzäuntes Separée gibt, in dem langstielige, besenartige Waschbürsten an meist säuberlich aufgewickelten roten Schläuchen zur kostenlosen Autowäsche einladen, kommen wir mit der Neuerwerbung flott voran. Dann geht es auf die Straße. Heute ist ja Umzugstag. Unser Ziel: Reykjahlið am Mıvatn.

Hinauf ins Norðurárdalur und durch die Öxnadalsheiði ins Öxnadalur

Durch das breite Tal des Héradsvötn führt die Ringstraße östlich von Varmahlið geradewegs auf die Berge des Blönduhliðarfjöll zu. Am Ende des Djúpidalur erhebt sich der Berg Tungafjall, rechts daneben Akrafjall. Unmittelbar vor den Bergen biegt die Ringstraße nach rechts in Richtung Süden ab.

Am Anfang kommen wir nur recht langsam vorwärts. Die Straße folgt jetzt nämlich auf vielen Kilometern dem weitarmig verzweigten Héradsvötn. Im fruchtbaren Umkreis dieser vielen Bächlein locken uns diverse Blütenpflanzen, Sumpfdotterblumen zum Beispiel, bei uns zu Hause schon längstens verblüht, stehen hier noch in voller Pracht, außerdem Schneeenzian, das Arktische Weidenröschen oder die Strand-Grasnelke (siehe dazu ausführlich die Abteilung Flora).

Die Passhöhe auf der Öxnadalsheiði erreicht rund 540 m. Von rechts schieben sich Kaldbakshnjúkur, Almenningsfjall (1196 m) und Gloppufjall (1181 m) ins Bild. Danach rollen wir, immer an der Öxnadalsá entlang, an der sich Hahnenfuß in dichten gelben Büscheln drängelt, in nordöstlicher Richtung wieder langsam auf Seehöhe hinab.

Hinter dem Gehöft Háls recken sich die zackig erodierten Ausläufer des Háafjalls.

Akureyri

Gegen halb zwölf kommen wir in Akureyri an. Zweitgrößte Stadt Islands. Lebendig und bunt, heißt es, sogar von "fast südlichem Flair" ist die Rede. Wir parken an der Akureyrarkirkja, von der man über eine sattsam steile Treppe hinunter kommt ins großstädtische Getümmel. In der Hafnarstræti, der Hauptstraße, stehen in der Tat Stühle im Freien. Man kann Touristen und Einheimische gut an den Ärmellängen und der Dicke der Bekleidungslagen unterscheiden. Uns steht der Sinn durchaus auch nach Kaffee, aber im Freien sitzen wollen wir lieber nicht. In Kristjáns Bakarí kann man nicht nur drin sitzen, sondern auch kleine Speisen zu sich nehmen. Wir rätseln lange, ob wir lieber ein mittig durchgeschnittenes und durch den Schnitt gezogenes Schmalzgebäck namens "Kleina", "Snúður"(-Schnecken) mit Karamell- oder anderem Guss, "Skyrskonsa", die an Rosinenbrötchen erinnern, oder vielleicht lieber doch einen fetten "Berlínarbolla" zu uns nehmen sollen, hinter dem sich ein Krapfen mit dickem Schokoladenüberzug verbirgt. Auf alle Fälle werden wir ordentlich satt.

Bäcker Kristjáns ganzer Stolz: Kleinur, Snúður, Skyrskonsur, Berlínarbolla.

Die rechte Erkundungsfreude will sich aber dennoch nicht einstellen. Irgendwie haben wir den (natürlich falschen) Eindruck, wir hätten alles Wichtige schon gesehen, vor allem alle Andenkenläden mit den immergleichen Strick- und Webwaren. "Ein kompakter Knoten aus Cafés, Kneipen, Museen und Geschäften". So bringen das die Damen Autorinnen eines unserer Reiseführer vornehm auf den Punkt. Vielleicht liegt es am Wetter, das sich zusehends verschlechtert. Kurz: Wir machen noch einen kleinen Ausflug in die Aðalstræti im südlichen, früher vor allem von Kaufleuten besiedelten Teil der Stadt, wo fleißig Hausputz betrieben wird.

Dann steigen wir wieder zur Kirche hinauf und fahren weiter, um die Südspitze des Eyjafjörður herum und am Ostufer entlang in nördlicher Richtung. Von drüben werfen wir zum Abschied noch einmal einen kurzen Blick auf die Stadt am Fjord mit ihrer "Eiskathedrale" genannten Kirche.

Langsam ziehen Wolken auf über dem Eyjafjörður. Der Kaldbakur erhebt sich in der linken Bildhälfte 1167 m hoch über dem kleinen Berg Şengilshöfği (261 m) bei Grenivík am Ostufer des Fjordes. Ein Wanderer hat den gleichen Weg wie wir. An einem Tragegeschirr zieht er sein Gepäck auf einem einrädrigen Rollwagerl hinter sich her.

Am Miðvíkurfjall wendet sich die Ringstraße in einem weiten Bogen erst nach Osten, dann nach Süden, schließlich nach Südosten. Wir passieren den See Ljósavatn und erreichen schließlich den ...

Goðafoss

Zu dem "Wasserfall der Götter" ist wenig zu sagen, was nicht tausendfach an anderer Stelle schon gesagt worden und daher allenthalben nachzulesen ist. Der Fluss Skjálfandafljót stürzt hier in einer mehrteiligen Kaskade 12 m tief. Es tost und gischtet ordentlich. In der nahe gelegenen Tankstelle, genauer: in deren Caféteria, kann man sich anhand von Fotos ein Bild davon machen, wie es aussieht, wenn der Goðafoss in einem strengen Winter (es war 1996, glaube ich) einfriert. Und wie es dann ausgesehen hat, als der gefrorene Fluss auftaute und das Schmelzwasser den Wasserstand in die Höhe trieb: Keiner der Felsen in der Mitte des Wasserfalls war mehr zu sehen.

Um jetzt direkt nach Reykjahlið zu fahren, ist es noch ein wenig zu früh. Daher nehmen wir nicht weit vom Goðafoss die 845 nach Norden, Richtung Húsavík.

Húsavík - mal nicht der Wale wegen

Wer nach Húsavík fährt, will normalerweise Wale sehen, denn hier starten die bekanntesten Whale Watching Tours. Dazu haben wir keinerlei Lust, außerdem ist das Wetter mittlerweile richtig regnerisch geworden. Aber es gibt ja da noch ein anderes abseitiges Highlight in Húsavík: Das sog. Penis-Museum. Nun gut: Schauen wir, was es dort zu lernen gibt.

Mit erstaunlich beharrlichem Sammelfleiß hat Sigurður Hjartasson, von Hause aus Lehrer für Geschichte und Spanisch, der Herr und Meister des Hauses und selbstredend Präsident der zugehörigen wissenschaftlichen Phallologischen Vereinigung, Dutzende von Tierphalli zusammengetragen, teils in Formalin eingelegt, teils getrocknet, teils silikongefüllt und dann erekt von der Wand stehend, überwiegend von Walen, aber auch von vielen anderen Tieren, vom meterlangen Protzbrocken bis hin zum miskroskopisch kleinen Fitzelchen. Aber auch Vasen und andere Gebrauchsgegenstände in entsprechend aufrechter Form stehen in den Regalen. Besonders geschmackvoll fanden wir die in Salz, Salbei, Basilikum, Thymian, Dill, Muskat, Rosmarin, Oregano und Majoran, also modo mediterraneo eingelegten Pferdepenisse, die als Appetithappen in einem Kästchen an der Wand ausgestellt sind. Nun gut, eines der "50 crazy things to do in Iceland" haben wir jetzt jedenfalls schon hinter uns.

Lach- und Sachgeschichten: A bull's pizzle. Oder: Ochsenziemer

Immerhin kann uns Sigurður eine Shakespeare-Stelle, die uns schon lange Kopfzerbrechen bereitet hat, anschaulich erhellen: In Henry IV (1. Teil, 2. Akt, 4. Szene) schilt Falstaff im Wirtshaus "Zum Wilden Schweinskopf" den Prinzen von Wales unter anderem einen "bull's pizzle" (was Erich Fried sehr korrekt mit "Ochsenziemer" übersetzt). Das Oxford English Dictionary klärt auf: "The penis of an animal; often that of a bull, used as a flogging instrument." Eben genau dies ist ein Ochsenziemer. Oder, um einmal Wikipedia zu zitieren: "Ein Ochsenziemer (regional auch Ochsenpesel oder Ochsenfiesl genannt) wird aus der gereinigten, gedehnten und nach schraubenförmigem Verdrehen [?] getrockneten Haut eines Bullenpenis hergestellt. Er hat eine fertige Länge von 80–100 cm, ist sehr elastisch und schwer [?]." Wer sich nicht recht vorzustellen vermag, wie ein solches Instrument aussehen könnte, der darf sich in Húsavík gleich von drei Exponaten illuminieren lassen:

Am Ortsausgang von Húsavík nehmen wir zum Abschied noch einen guten Schluck Diesel. 53 Liter haben wir seit dem letzten Tankstopp in Blönduos verschürt. Bei einem Literpreis von 198,8 Kronen macht das zusammen 10.536 Kronen (oder grob 98 Euro). Sic transit gloria mundi.

Wir sind beide ziemlich müde, es plätschert beharrlich gegen die Scheibe. Kühe weiden im Hahnenfuß. Dass wir einem großen Geothermiefeld näherkommen, deutet sich verschiedentlich an: Eine Gärtnerei dämpfelt vor sich hin.

Die Herbivoren vom Hólasandur

Im Hólasandur kann man ein Lehrstück in anthropogener Erosion beobachten. Die Region nördlich vom Sandvatn bestand (wie so viele Hochlandregionen Islands) bis ins 17. und 18. Jahrhundert aus fruchtbaren Birkenwäldchen und Weideland. Dann kamen die Schafe. In übergroßer Zahl. Die Konsequenzen waren fatal. Man kennt sie auch in anderen Teilen der Welt, in Wales, in Schottland, in Irland, aber auch in Tunesien und in der Kalahari. Um es einmal in den Worten der Fachleute von der Uni Potsdam zu sagen: "Hoher Weidedruck von Herbivoren (Schafe, Ziegen und Rinder) bewirkt üblicherweise Überweidung. Überweidung führt zur Abnahme von perennierenden Gräsern und krautiger Vegetation."

Am Sandvatn trägt der Südwind große Mengen Sand und Schlick auf den nun schutzlosen Boden. Ein folgenreicher Kreislauf setzt sich in Gang. Vegetation erstickt, Bodenhumus verschwindet, weiterer Sand erstickt weitere Vegetation. Die Wüste (denn genau darum handelt es sich) breitet sich in den folgenden Jahrzehnten rasch und großflächig nach Norden aus. 1965 werden erste Versuche unternommen, den Prozess zu stoppen, zunächst ohne durchschlagenden Erfolg. 1992 wird ein erneuter Anlauf gestartet. Ziel: Die Erosion stoppen und die Fruchtbarkeit des Bodens wiederherstellen. Dazu wird der Hólasandur zunächst einmal komplett eingezäunt, um die "Herbivoren" draußen zu halten. Dann werden besonders widerstandsfähige Pflanzen wie die Alaska-Lupine und einige besonders ausdauernde Grasarten angepflanzt. Birken und Weiden, die klassischen niederen Gehölze Islands, aber auch geeignete Koniferen kommen an geeigneten Standorten dazu. Das Projekt soll 2010 abgeschlossen sein. Dann wird man auch wissen, ob es gelingen kann, menschengemachte Wüsten durch menschengemachte Aufforstungsprojekte wieder zu fruchtbaren Böden zu machen.

Ein wenig regenverhangen - aber man sieht, worauf es ankommt: An geeigneten Stellen wurden in der Sandwüste Hólasandur Gräser und Bäume in weiträumigen Streifen gepflanzt, um der Erosion Einhalt zu gebieten.

Am Mıvatn und am Ziel: Reykjahlíð

Der Mıvatn (Mückensee) gehört zum touristischen Pflichtprogramm in Islands Norden. Er liegt auf 277 m über dem Meeresspiegel und bedeckt eine Fläche von rund 37 Quadratkilometer. Sein Ufer ist in zahllose Buchten gegliedert. So, wie wir ihn heute sehen, entstand der See vor rund 2500 Jahren, als sich Wasser in einer flachen Talsenke staute. Er hat nur einen einzigen oberflächlichen Zufluss, den Grænalækur, der im Südosten aus dem angrenzenden Grænavatn kommt. Weiteres, teilweise bis zu 20 °C warmes Wasser fließt ihm aus unterirdischen Quellen am Ostufer zu.

Der See ist im Mittel zweieinhalb Meter tief, seine tiefste Stelle misst gerade einmal viereinhalb Meter. Entsprechend rasch erwärmt sich sein Wasser. Das schafft ideale Lebensbedingungen für Plankton, Krebse, Wasserflöhe - und Mückenlarven, aus denen vor allem im Juni und im August Zuckmücken und Kriebelmücken schlüpfen. Nur letztere stechen, die Zuckmücken sind in erster Linie lästig, weil sie in großen Mengen auftreten und besonders gerne in Mund, Nase und Ohren fliegen (oder sich wahlweise auch vorne auf der Objektivlinse niederlassen). Gutes Timing also. Wir sind im Juli hier, und uns belästigen die Mücken praktisch überhaupt nicht. Die Freude ist allerdings etwas voreilig: Mitten im Hochland, in Hrauneyjar, werden wir in ein paar Tagen nachholen (müssen), was uns am Mıvatn erspart bleibt.

Das überreiche Larvenangebot ist ein reich gedeckter Tisch für Vögel aller Art. Kein Wunder, dass der Mıvatn bei Ornithologen weithin gerühmt ist. Alleine 14 Entenarten brüten hier. Die werden wir wohl nicht alle zu Gesicht bekommen. Aber einige ganz gewiss (siehe da).

Das Hotel Reykjahlið ist nicht zu verfehlen. Es liegt unmittelbar am Ufer des Sees mit Blick hinüber auf den "Hausberg" Vindbelgjarfjall (629 m), um den heute abend Wolken ihre feuchte Bahn ziehen. Petur Gislasson heißt uns persönlich willkommen. Wir bekommen ein Zimmer im ersten Stock (die beiden Fenster über der Tür), leider nicht mit Blick auf den See, dafür mit Doppel- und Einzelbett. Und Bad mit Badewanne, in der R gleich verschwindet. Ich schlafe erst mal zwei Stunden. Von unserem Fenster aus kann man hinüberschauen auf den Campingplatz.

Abendessen im Hotel. Ein schlanker, stiller, freundlicher Pole mit Badelatschen, vermutlich ein verkannter Schach-Großmeister oder ein angehender Triangel-Virtuose, spielt den Ober. R nimmt das Menü des Tages (Blumenkohlsuppe, Seesaibling, Syrmjölk). Ich entscheide mich für gegrillten Lobster und ein himmlisches Stück Lamm mit Kartoffeln - beides ist neckisch in Form von Kegelvulkanen angerichtet. Dazu ein winziges Fläschchen Merlot aus den USA. Ebenfalls sehr lecker.

Erst sind die Nebel über den See gezogen, dann klart das Wetter mehr und mehr auf. Wir beschließen, noch eine kleine Erkundungsrunde zu machen.

Geothermie im milden Abendlicht

Zum Wärmekraftwerk unterhalb der Krafla ist es nicht weit. Man hört es bei entsprechendem Wind schon vom Mıvatn aus fauchen. Im Abendlicht stellt sich eine unwirkliche Stimmung ein. Wir machen auch einen Abstecher zum Geothermalbad und erkundigen uns nach den Öffnungszeiten: Täglich bis 24 Uhr. Das ist etwas für einen der kommenden Abende, denken wir (und ich ahne schon da, dass nichts daraus werden wird).

 


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